gerlinde helm

Lioba Reddeker

basis wien/Hangar 7

Small Worlds – Wide Worlds
Anmerkungen zu Wahrnehmung und Medien in Gerlinde Helms Arbeiten

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Am Ende des Romans Small World von Martin Suter spielt sich folgende Szene ab: „Im September, an einem der letzten schönen Sommerabende […] setzt sich Konrad Lang im Wohnzimmer des Gästehauses aus einer Eingebung ans Klavier. Er öffnete den Deckel und machte einen Anschlag mit der rechten Hand. Er spielte ein paar Akkorde und dann sachte die Stimme der rechten Hand der Nocturne Opus 15 Nr. 2, in Fis-Dur von Frédéric Chopin. Zuerst unsicher, dann immer beherzter und flüssiger. […] Dann nahm er die linke Hand zur Hilfe. Und die Linke begleitete die Rechte. Blieb ein bisschen stehen, verschnaufte ein paar Takte, holte sie wieder ein, nahm ihr die Melodie ab, führte sie allein weiter, warf sie ihr wieder zu, kurz: benahm sich wie ein selbständiges Lebewesen mit einem eigenen Willen.“

Auf der faktischen Erzählebene dieses - von Gerlinde Helm oft gelesenen - Buches wird mit dieser Szene die Genesung des alten, schwer an Alzheimer erkrankten Protagonisten markiert; denn Lang hatte in seiner Jugend Klavierunterricht und wäre beinah Pianist geworden. Doch wurde der Plan vereitelt, als es ihm nicht gelang, ein Scherzlied aus Böhmen zweihändig zu spielen. Er beherrschte die linke und die rechte Hand einzeln, brachte es jedoch nicht fertig, beide Hände parallel zu spielen.

Neben dem Aspekt der überwundenen Krankheit hängt das zweihändige Klavierspiel freilich auch mit der teilweisen Überwindung eines Kindheitstraumas zusammen, das bei Konrad Lang bis zuletzt eine Ungewissheit darüber belässt, wer er eigentlich ist.

„ Sich auf die Suche nach sich selbst zu machen, ist kein leichtes ‚Unterfangen’“ bemerkt Gerlinde Helm in einem Gespräch über Erinnerungen, Spuren aus der Kindheit, die Suche nach einer Wahrheit und die Erzeugung von Bildern. Und ehe wir es noch bewusst registrieren, befinden wir uns inmitten der komplexen, vielschichtigen und auch irritierenden Fotoinstallationen von Helm, die sie nun über lange Zeit zum Medium der Erforschung ihrer selbst und der sie umgebenden Welt gemacht hat.

Ihre Instrumente – neben der Fotografie und dem Computer auf der technischen Ebene – sind Inszenierung, Lektüre und Erzählung, immer wiederholtes Erzählen oder Filme, auch die in immer wiederholtem Anschauen. Die Unruhe ihrer kleinen Tochter, wenn sie Geschichten oder Filme nur einmal hören und sehen kann, ist der Künstlerin vertraut. Auch sie findet vor allem in der Repetition die Ruhe und mit langjähriger zäher Arbeit und etwas Glück auch den erhofften Erkenntnisgewinn.

Überschneidungen, Verschränkungen und Spiegelungen sind in ihren von atmosphärischen Gegensätzen getränkten Bildern die zentralen Elemente der Formensprache. Doch versucht frau/man als BetrachterIn nach-zu-erzählen oder zusammen-zu-fassen, um was es letztlich geht, stellt sich schnell ein Gefühl ein wie in der Arbeit Tracks (par tone), auf dem die in Helms Bildern oft wiederkehrende junge Frau über Eisenbahnschienen frontal auf die Betrachter zuläuft und nicht mit Sicherheit zu sagen ist, ob sie vor etwas davon oder auf etwas zu rennt.

Es geht in Gerlinde Helms Kunst um unterschiedliche Wirklichkeitsebenen, um den Versuch der Kommunikation zwischen (unversöhnlichen?) Elementen, Menschen oder Generationen, wie im Thema des Holocaust oder auch ganz direkt „nur“ im Kontext der eigenen Geschichte, die unausweichlich mit jener der Eltern verknüpft ist, die sie wiederum an ihr eigenes Kind weiter trägt, im eigenen Kind fort- und umschreibt…

Recherchen im Motivfundus der Künstlerin führen so auch zwangsläufig zu unterschiedlichsten Quellen: in dem Buch Stichwort Liebe von David Grossmann erweckt ein verwirrt zurückgekehrter Großvater, den man als durch die Nazis ermordet geglaubt hatte, das Interesse des Enkels, der über die vielen Versionen von immer wieder kehrenden Geschichten den Holocaust zu verstehen versucht, den er nicht erlebte, der aber doch sein ganzes Leben prägt.

Andererseits bezieht Helm Inspirationen aus Märchenbüchern oder aus Naturerlebnissen – wenn zum Beispiel das Geläut von Kuhglocken auf einer Alm in Südtirol zu einem intensiven und unvergesslichen Moment, zu einem Erleben von Stille und Musik wird, den sie nicht vergessen kann.

Doch da ist auf der anderen Seite die ständige Bedrohung, energetisch negativ aufgeladene Felder, entmenschlichte Städte, bedrohliche Szenarien, derer sich die Künstlerin erwehren möchte, wenngleich sie doch weiß, dass sie keine Chance hat, diesen Einflüssen tatsächlich zu entkommen. Doch immerhin setzt sie ihre eigenen „Kraftfelder“, wie sie es nennt, mit ihren Bildern dagegen.

„Es geht mir um zutiefst menschliche Fähigkeiten, um Empathie, Mitgefühl, Angst, um zentrale Impulse, die bei Kindern noch sehr stark sind, bei Erwachsenen jedoch oft verschüttet wurden“. Vielleicht bekommt deshalb Anna, die junge Frau in ihren Bildern, die Augen von Helms Tochter als Zwei- bis Dreijähriger.

Die Künstlerin ist auf der Suche nach Wahrheit, sie weiß aber, dass diese verschüttet, zugedeckt, auf jeden Fall schwer oder vielleicht gar nicht zu finden ist. „Es gab (so Gerlinde Helm) in meiner Kindheit immer schon sehr viel Widersprüche, eine ständige, diffuse Angst war da; atmosphärisch schwebte etwas über mir, das ich nicht fassen oder erklären konnte. Doch sprachlich – auch im Sinne der Frage nach Ursache und Wirkung – darüber nachzudenken, führt zu keinem Ergebnis, weil in der Sprache die Lüge enthalten ist. Nur eigene Wahrnehmung, eigene Eingebung führen dich auf eine Spur.“

Dieser Spur folgt Helm in zugleich verführerischen wie bedrohlichen Bildern und versucht so, Energie- und Kraftfelder aufzubauen, mit der sie sich diesen Entwicklungen produktiv entgegenstellen kann. Erstaunlicherweise tut sie dies in sehr wachem Bewusstsein ihrer (und unserer) Ausgesetztheit und genau mit jener Technologie, die die neue „Informationsgesellschaft“ geschaffen hat, nicht selten mit dem (zu oft trügerischen) Versprechen, Information in Wissen, Kompetenz und verbessertes Zusammenleben der Menschen zu verwandeln.

Gerlinde Helm tut ihre Arbeit auch in dem Bewusstsein, dass wir - im Sinne der kulturtheoretischen Medienanalyse von Marshall McLuhan - Medien nicht in Begriffen der Nachrichtenübertragung verstehen, sondern in Beziehung zum eigenen und zum sozialen Körper (vgl. Frank Hartmann, Vortrag am Symposium Ohne Spiegel leben. Medientechnologische Dynamiken und ihre kulturellen Wirkungen, Wien, 1998). Wenn wir mit McLuhan zwischen Medien differenzieren wollen, die „geschehen“ oder die „bewusst“ machen, dann agiert Gerlinde Helm vielleicht nur anscheinend ausschließlich im zweiten Feld, denn Künstler sind jene, die der Wahrheit „in diesem Moment der medialen Überkreuzung an der ästhetischen Grenze zwischen zwei Medien“ näher kommen können als die Wissenschaftler (vgl. ebd.).

Dabei befindet sich Helm in bester Gesellschaft und kann sich legitim auf bewährte Vorkämpferinnen beziehen, um an dieser Stelle mit VALIE EXPORT nur eine, aber eine sehr gewichtige Stimme noch zu Wort kommen zu lassen. Zu ihren Arbeiten Ontologischer Sprung von 1974 schreibt sie: „das bild und das >nachbild< sind nicht unterscheidbar, das >nach dem bild< ist genauso >vor dem bild<. durch den eingriff der medien verändert sich die sicht auf die wirklichkeit, die fotos sind keine blaupausen der natur, jedes bild ist eine konstruktion. bei diesen arbeiten werden die schnitte im bild in der repräsentationsform verdeutlicht, im wahrnehmungszwischenraum liegt die bedeutung der medialen auseinandersetzung. der visuelle kontext der fotografie liegt nicht nur in der wirkung nebeneinander gestellter, sondern auch in der wirkung ineinander gestellter bilder. im zentrum dieser untersuchung selbst steht der abbildende, gestaltende und darstellende apparat.«

Die Aus-einandersetzung (und damit Ein-verleibung?) mit dem Apparat war das zentrale Moment für diese KünstlerInnengeneration. Dem in Apparaten verfangenen Menschen mithilfe derselben Maschinen ihre Würde, Intuition, Poesie oder Unschuld zurückzugeben - daran arbeitet Gerlinde Helm mit viel Konzentration und assoziationsmächtigen Bildern. Vielleicht hofft auch sie auf den Moment, in dem linke und rechte Hand ganz von allein wieder EINE Melodie spielen, als EIN selbständiges Lebewesen mit einem eigenen Willen!

Andrea Hilgenstock

Kunstzeitung, die Welt...

transformation ist alles

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Die erste Begegnung war eine magische. Sogartig fesselten Gerlinde Helms „Kristallisationen“ den Blick. Ihr digitales Ballon-Blüten-Ballett in der Galerie Blickensdorff strahlte eine märchenhafte Sinnlichkeit aus, die alles andere vergessen ließ. Den Alltag, aber auch die nichts sagende Meterware vieler Kollegen. Hier war eine, die es sich nicht einfach macht. Die keine Bilder aus dem Internet herunter lädt, um sie zu bearbeiten, sondern eigene Foto-Inszenierungen verarbeitet. Malend am Computer, ver-, statt entzaubernd.

„At the beginning of something else“, so hieß vor vier Jahren die erste Berliner Einzelausstellung der Österreicherin. Was zum einen den Bezug zu ihren Arbeiten herstellt und ihrem hohen Anspruch, neue Strukturen zu kreieren, statt zu dokumentieren, andererseits auch ihren Wechsel des Mediums andeutet. Dass die Fotokünstlerin von der Bildhauerei kommt, ist kein Bruch. Vielmehr logische Entwicklung hin zum räumlichen Denken und Formen am Bildschirm. Thematisch blieb sie sich treu, das Ephemere ihr Element.

Alles schwebt, verändert, wandelt sich. Die Künstlerin hat Ballast abgeworfen, um zu erreichen, was am schwersten ist, Transzendenz und Leichtigkeit. Bereits 1997 setzte sie sich in der Salzburger Galerie 5020 über die Schwerkraft hinweg. Für die Installation „Territorial splitting“ brachte sie in luftiger Höh’ ein Drehkarussell mit Mädchenkleidern in Bewegung, während Ballons in fester Position am Boden lagerten. Foto- und Filmmaterial aus Inszenierungen wie diesen dienen Gerlinde Helm heute als Basis für ihre virtuellen Welten.

Die fehlende einheitliche Bildperspektive öffnet den Raum ins Endlose. Es geht nicht, wie in den Anfängen der Fotografie, um das Festhalten eines statischen Augenblicks oder um einen Ausschnitt der Realität, sondern um den Zweifel an einem verbindlichen Wirklichkeitsbild und dessen Erweiterung. So entstehen ganze Serien wie jüngst die „Tracks“. Auf diesen „Fährten“ der Fiktion bewegen sich das Mädchen Anna und seine Spiegelbilder irgendwo zwischen Himmel und Erde, zwischen dem Mehrwert der Erinnerung und der Verheißung künftiger Erscheinungen.

Oskar Schlemmer, Schöpfer des „Triadischen Balletts“, des Tanzes der Dreiheit (Form, Farbe und Bewegung), der ebenfalls die Entmaterialisierung der Körper anstrebte, hat Anfang der Zwanziger Jahre formuliert, was Gerlinde Helm ästhetisch fortschreibt. „Den Sammelpunkt des Metaphysischen gegenüber den allzu sachlichen Tendenzen“ nannte er die Bauhausbühne. Das Theater, die Welt des Scheins, grabe sich sein Grab, je mehr es sich um Wirklichkeit bemühe. Die Mittel jeder Kunst seien künstliche. Zum Beispiel geometrische.

Nun, im Märchen vom Mädchen mit dem verträumt-fragenden Blick, das die Bühne von Gerlinde Helms Bildwelten wie eine Ballerina betritt, geht es um nichts anders. Um metaphysische Momente, die künstlich erzeugt werden. Wobei das Übernatürliche aus einer Schnittmenge zwischen dem realen Raum und dem virtuellen entsteht. Um dies zu betonen, hängt Gerlinde Helm ihre Werke in Ausstellungen gern über Eck. Die computergenerierten Spiegelungen dehnen sich so in den Raum aus.

„Für mich ist die Fotografie ein Ausgangspunkt. Daran an schließt sich ein malerischer Prozess am Computer. Das, was rein über den fotografischen Blick nicht sichtbar ist, wird sichtbar gemacht“, erklärt die Künstlerin. Dabei malt sie sozusagen an der fortwährenden Abstrahierung realer Motive, manipuliert bis kein Motiv exakt dem anderen gleicht, alles sich hin zu einer entmaterialisierten, flüchtigen Existenz entwickelt. In der hebt die Silhouette des Mädchens wie ein Engel buchstäblich vom Boden ab.

Der französische Urbanist, Architekt und Philosoph Paul Virilio hat den Begriff der „Ästhetik des Verschwindens“ geprägt im Zusammenhang mit Geschwindigkeit und Zeiterfahrung. Sie setzte zu Beginn des Kinos, der Momentfotografie und der Sequenztechnik ein. Die Vorstellung einer erfassbaren Wirklichkeit, der Verlässlichkeit unseres Blicks, ist in Zeiten von Computer-Technologie, Transrapid, Concorde, un-sichtbaren Bedrohungen und simultanen Ereignissen grundlegend erschüttert.

Dies führt dazu, dass die Dinge umso mehr präsent sind, je mehr sie sich verflüchtigen und dem Bewusstsein entziehen. Kaum oder gar nicht erklärbare Vorgänge heften sich in unser Gedächtnis. Spuren der Erinnerung. Wo der Alltag von Maschinen und Technik bestimmt wird, die – wie schon Schlemmer konstatierte – eine „Mechanisierung des Lebens“ mit sich bringen, ist es das Privileg des Künstlers veränderte Wahrnehmung zu thematisieren und das Schwinden der Dinge in Bildern zu visualisieren.

Welches Mittel könnte besser geeignet sein als der Computer, um mittels Bilder-Manipulation auf die Uneindeutigkeit bzw. Undeutbarkeit der heutigen Welt zu zielen? Gerlinde Helm hat die Zeichen der Zeit erkannt, vor allem weiß sie, diese adäquat umzusetzen. Während unzählige Kollegen von der Leinwand nicht lassen können und die Entfremdung zwischen Individuum und Umwelt in neumodisch surrealen Rätselbildern altmodisch dingfest machen, beschreitet sie einen originären Weg.

Sie transformiert. Aus dem, was einmal tatsächlich war, den bevorzugten Formen von Bildhauerei und Performance, speist sie ihre unwirklichen Bilder. Spielten Latexobjekte, rund und vergänglich, bereits eine Rolle, so zieht sich der Ballon bis heute als wiederkehrendes Motiv durch die Arbeit der Künstlerin. Er ist sozusagen der Platzhalter für weitere Auslegungen. In den „Kristallisationen“ erinnerte seine Eiform an den Beginn von etwas Neuem. Als angedeuteter Reifrock für die kleine Anna löst er sich vielteilig in Luft auf.

Leicht werden, das wäre schön. Einfach abheben. Erinnerung verflüchtigen. Die Künstlerin arbeitet dran. Die Figur des Mädchens steht dabei im Mittelpunkt. So etwa in der Ausstellung „Remake of a memory“, die 2006 zu sehen war. Hier formte sie aus früheren Performances mit Anna Erinnerungsmuster, die als gespiegelte und vergangene Realität neu in Erscheinung traten. Anna als Zwilling oder in Serie wie ein Madonnenbildnis. Anna laufend über Bahngeleise und im Himmel über Paris entschwebend.

Staunend taucht ihr Gesicht aus einem blauen Meer der Ungewissheit auf. Es verkörpert gewissermaßen den kindlich unschuldigen Blick, den die konstruktiv-visionären Fotoarbeiten Gerlinde Helms immer auch vom Betrachter einfordern. Vielleicht ergeht es der Protagonistin Anna, die in einer mehrteiligen Serie von einer wachsenden Zahl von Doppelgängerinnen verfolgt wird, ein wenig wie „Alice im Wunderland“, wo Raum und Zeit ebenfalls auf den Kopf gestellt werden. Sie stellt uns die richtigen Fragen.

Im Vexierspiegelkabinett schicklichen Verhaltens verirrt sie sich, läuft durch die absurde Welt, wo ihr seltsame Gestalten entgegen treten. „Wer bist denn du?“, begegnet ihr eine. „Ich weiß es selbst kaum. Das heißt, wer ich war, heute früh beim Aufstehen, das weiß ich schon, aber ich muss seither wohl mehrere Male vertauscht worden sein.“ Das Gespräch, das Lewis Carroll 1864 aufzeichnete, geht noch weiter. „Wie meinst du das?“, fragt die Raupe, „erkläre dich!“ „Ich fürchte, ich kann mich nicht erklären, denn ich bin gar nicht ich, sehen Sie.“

Transformation ist alles. So teilt uns auch die Künstlerin mit, die den Ich-Verlust in ihren jüngsten Bildschöpfungen ganz deutlich werden lässt. Sie zeigen ihr eigenes Antlitz, digital gespiegelt, farblich verfremdet, verdoppelt, verzerrt. Auftauchend, eintauchend in die Weite des Himmels. Halb verklärende Heiligenbilder, halb Analysen der Situation. Die Wirklichkeit ist vollends in Frage gestellt. Die Entfremdung vom eigenen Ich perfekt. Wer bin ich, wenn nicht viele? Gerlinde Helm gibt uns Fragen wie diese mit auf den Weg.

Barbara Blickensdorff

Galerie Blickensdorff/FIELD

at the beginning of somthing else

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Gerlinde Helm wurde 1964 in Österreich geboren und lebt - nach Arbeitsaufenthalten, Studien und Stipendien in Salzburg, Wien, Paris, London, Boston und New York - seit 1999 in Berlin.
Die Bilder von Gerlinde Helm entstehen aus Fotos ihrer Rauminstallationen und Performances, die digital gespiegelt, farblich verfremdet, verdoppelt und verzerrt werden. Sie überwindet den durch die Zentralperspektive der Kamera erstarrten photographischen Blick, der ohne natürliche Geschwindigkeit und Sensibilität des natürlichen Auges auskommen muss, indem sie Bilder schafft, die einen besonderen (digitalen) Bildraum zeigen. Die kaleidoskopartigen Netzstrukturen ihrer Arbeiten (in deren glänzender Oberfläche die Umgebung und der Betrachter sich spiegelnd mit ins Bild kommen) setzen sich bildhaft mit den realen Netzstrukturen der uns umgebenden Natur- und Arbeitswelt auseinander. Ballons, Hände, Köpfe und Stadtlandschaften sind Motive die Gerlinde Helm wieder und wieder verarbeitet. Der Ballon als Leerstelle, Platzhalter, Warteposition, Überbrückungsleerstelle, hält etwas frei, lässt es unbewertet, lässt Entwicklungsspielraum - auch ins Ungewisse - zu. Das kindlich "Unnütze", der Luftballon, taucht in den Arbeiten von Gerlinde Helm dort auf, wo sonst im Bilder-Alltag der Medienwelt (mit erstaunlichen Geschwindigkeiten, Multilokalität, Cyborgs aller Art oder den seichten Geschöpfen unserer transpersonalen Selbste) das mit medialen Methaphern Aufgefüllte herrscht. Helms Arbeiten verzichten konsequent auf einen romantisierenden Rückgriff in den Jargon der Biogenetik, der Computerwissenschaft und populärer Psychologie. Ihre Arbeiten - insbesondere auch ihre Videoarbeiten - wurzeln in einem unerschöpflichen Fundus von Bilderfindungen, der die Themen unserer Zeit klar im Auge behält.